Nachtwanderung

© koriander


Zeltlager. Das war ja eh nie so dein Ding .. Du hast dich aber überreden lassen, hast dich von acht strahlenden Augen voller Vorfreude blenden lassen und bist mitgefahren. Es ist Sommer und die Hitze fließt an den Zeltinnenwänden herab.

Euer Zelt steht ganz nah an der Weser, direkt am Strand könnte man sagen. Natürlich hat die Weser keinen richtig schönen Strand, eher eine Schlammgrube mit ein paar Fleckchen Wiese dazwischen. Aber ihr macht es euch schön, stellt euch vor, ihr seid am Meer und würdet am tollsten Sandstrand zelten.

Die Betreuer waren etwas ganz besonderes, habt ihr nachher erzählt. Kaum zehn Jahre älter als ihr, sind sie euch in besonderer Weise nah und ihr könnt jede Menge Mist mit ihnen machen. Direkt neben dem Zeltplatz ist ein Minigolfplatz, auf dem ihr richtige Turniere veranstaltet. Auch in der Eisdiele im Ort seid ihr fast jeden Tag zu finden. Noch Jahre danach schwärmen deine Freundinnen von dem Joguretten-Eis.

Die anderen Jugendlichen, die ihr bei diesem Zeltlager kennen lernt, sind eigentlich alle in Ordnung. Es gibt niemanden, den du so gar nicht magst. Aber selbst wenn, deine besten Freundinnen sind bei dir, es ist Sommer und es hätte sicher die schönste Zeit eures Lebens werden können.

Wenn nicht .. ja, wenn nicht alles anders gekommen wäre.

Am Donnerstag ist Nachtwanderung angesagt, ihr zieht euch lange Hosen an und Pullover, damit ihr euch die Arme und Beine nicht im Wald zerkratzt. Ihr lauft los und alles ist toll. Die Betreuer haben viel Arbeit in diese Nachtwanderung gesteckt, es ist richtig gruselig.

Heute weißt du nicht mehr warum, aber du streitest dich mit den anderen, im Wald. Beleidigt läufst du hinter der Gruppe her, sonderst dich ab und willst nicht zusammen mit deinen Mädels laufen.

Den Blick auf den Boden gerichtet stolperst du also trotzig durch den dunklen Wald. Bist froh, wenn zwischen den dicht bewachsenen Ästen ab und an der Mond durchscheint, damit du den Weg nicht völlig aus den Augen verlierst. Deine Gruppe ist mittlerweile sicher schon wieder am Zeltplatz. Aber du bist schon groß, du findest den Weg auch allein.

Und weil du den Kopf immer noch gesenkt und die Augen immer noch auf den Boden gerichtet hast, siehst du das Tier nicht, dass da auf dich zuwankt. Hättest du es gesehen, es hätte wohl auch keinen Unterschied gemacht. Du bist noch jung, unschuldig möchte ich fast sagen. Du hättest das Tier nicht als gefährlich erkannt.

Du gehst also weiter, läufst ihm direkt in die Arme. Als du in das Tier hineinstolperst, hebst du den Kopf, willst dich grade für deine Unachtsamkeit entschuldigen, als seine Hand auf deinem Mund landet. Überrascht schauen deine Augen in die seinen. Was sie sehen, macht ihnen Angst, du willst weg. Grade als du dich von ihm weg, rückwärts bewegen willst, bemerkst du seine Hand an deinem Arm. Das Tier hat dich jetzt völlig fest, eine Hand auf deinem Mund und eine an deinem Arm. Du willst etwas sagen, willst dich wehren, aber es drängt dich zurück. Drängt dich weg vom Weg, tiefer in den Wald. Du versuchst, gegen das Tier anzukämpfen, doch es ist viel stärker. Eh du dich versiehst, liegst du am Boden, das Tier über dir.

Das Tier sagt nichts, es grunzt nur. Du kannst dich vor Angst kaum bewegen. Er liegt auf dir und hält dich fest. Du hast keine Möglichkeit dich zu wehren. Er tut dir weh. Du musst würgen. Seine Hände sind überall. Er hält dich fest. Er presst sein Maul auf deine Lippen. Es tut weh. Du weinst. Du schreist. Warum kannst du deinen Schrei nicht hören? Du hörst gar nichts. Du siehst auch nichts mehr.

-

Der Wald ist weg, du hörst das Meer rauschen. Wie schön, es ist ganz hell und warm hier. Ab und zu wackelt das Bild wie bei einem schlecht eingestellten Fernseher. Aber das ist egal, du liegst am Meer. Du wunderst dich ein bisschen, denn du liegst einfach da am Strand. Du kannst dich nicht bewegen, auch wenn du deine Füße gern ins Meer tauchen würdest. Aber eigentlich ist auch das egal, du riechst das Meer schließlich. Den ekligen Geruch verdrängst du, am Meer riecht es nämlich nach Salz und gar nicht widerlich. Die Sonne wärmt deinen Bauch, du fühlst dich toll.

-

Das Meer verschwindet und der Wald ist wieder da. Verwirrt blickst du dich um. Dir ist kalt. Dein Pullover ist weg, dein T-Shirt kaputt. Wo ist dein Pullover?
Du willst hier weg, so schnell wie möglich. Du rappelst dich auf, stolperst durch die Büsche und läufst gegen Baumstämme. Morgen werden große blaue Flecken überall an deinem Körper sein. Aber morgen wirst du das nicht spüren.
Äste zerkratzen deine Arme, du blutest. Du merkst es nicht.

Da vorne ist der Weg, siehst du? Der Mond leuchtet heute Nacht nur für dich. Du läufst weiter, läufst schnell wie der Wind, niemand kriegt dich.

Wer sollte das auch versuchen? Tiere? Hier gibt es keine Tiere.

Du bleibst stehen, keuchend. Mit tränennassen Wangen fängst du an, laut zu lachen.

21.2.11 21:20

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