Eingeschlossen in meinen Körper,
eingemauert in meine Gedanken,
so lebe ich,
seit so vielen Jahren.
Alle haben mich aufgegeben,
alle, kleiner Bruder, auch du ...
Die Ärzte sehen in mir nur noch eine Verschwendung von Medikamenten,
einen hoffnungslosen Fall.
Sie haben mir noch drei Jahre gegeben.
Das war vor zweieinhalb Jahren.

Meine Eltern sehen in mir nur noch die vergebliche Hoffnung.
Sie haben gesagt, sie würden an mich glauben, kleiner Bruder,
mich nicht aufgeben und immer bei mir sein ...
Sie haben es nicht durchgehalten.

Und ich?
Habe ich es durchgehalten, kleiner Bruder?
Ich wollte stark sein, es allen zeigen,
was möglich ist und was nicht ...

Ich stehe hier am Fenster,
zugedröhnt mit Morphium,
habe ich mich mühsam aus meinem Rollstuhl gequält.
Der Wind fährt über meinen kahlen Kopf,
und ich fühle mich zum ersten mal seit Jahren wieder richtig frei.
Frei sein ..
mehr wollte ich nie.
Jetzt bin ich frei.

Wir sehen uns wieder, kleiner Bruder,
irgendwann ...
Sei nicht traurig, weil ich nicht mehr da bin,
kleiner Bruder,
sei froh, das ich nicht bleiben musste.
Bis bald, kleiner Bruder, bis bald.





koriander







Die Nacht ist dein Rückhalt
die Dunkelheit dein Mantel
Du nährst dich von der Stille
und die Einsamkeit ist dein ständiger Begleiter.
Wenn der Tag stirbt
wachst du aus deinem nicht enden wollenden Schlaf auf.
Du gleitest durch die Nacht
auf der Suche nach deinem Leben.
Schmerzlich ist dir bewusst
dass die Suche vergeblich ist
aber du vermisst das Licht
die Sonne und all das, was dir vorher so unwichtig war.
Du verschwendest all deine Kraft an diese Suche.
Dabei brauchst du sie für die Jagd
für die Jagd, die dich am Leben hält.
Du hast nicht die Kraft, dieses Leben zu akzeptieren.
Du verdrängst alles
was du brauchst um zu überleben.
Das wirst du nicht lange durchhalten.
Du wirst daran scheitern.
Gib auf
akzeptiere dieses Leben.
Akzeptiere das, was du geworden bist.





koriander







Sie.
Verträumt und still,
dreht sie ihre Kreise
wie das Meer den Stein schleift,
in unendlich vielen Jahren,
so scheinen ihre Füße den Boden zu schleifen,
so beladen sind sie,
mit der ganzen Schwere ihres Herzens.
Sie geht.

Die Schmusedecke in der Hand,
und die Bilder im Kopf.
So dreht sie ihre Runden
Abgeschlossen vom Rest der Welt.
Sie fühlt sich sicher.

Nichts und niemand könnte sie jetzt erreichen.
Aber sie hat nichts vergessen,
der Schmerz wird immer bleiben,
sie fühlt zwar längst nichts mehr,
aber die Narben bleiben.





Doch hier in dieser Welt ist nichts mehr,
keine Narben, kein Schmerz,
kein Leid und keine Verletzungen,
die ihrem jungen Körper angetan wurden,
von Menschen, die ihre Vertrauen mißbrauchten.
Hier kann sie alles verdrängen,
vergessen wird sie nie können.
Hier gibt es nur sie.

Doch sie sieht auch nicht mehr,
die Schönheit eines Sonnenaufgangs,
sie hört nicht mehr das Rauschen des Windes
Sie fühlt jetzt nichts mehr,
nichts schlechtes mehr,
aber auch nichts gutes.

Eingemauert in ihre Gedanken,
und eingeschlossen in ihrem Zimmer
dringt kein Licht an ihre kleine Seele
die langsam verlischt,
wie eine Kerze am Ende.





koriander







Das Mädchen gegenüber.

Sie blickt traurig,
Ihre Augen sind leer.
Kein Funkeln mehr in ihren Augen.

‚Ich denke, ich gehe.’

Ihre Haut wirkt so blass, ihr Haar so stumpf.
Sie presst ihre trockenen Lippen zusammen,
will schrei’n.
Sie fängt an zu zittern, zu beben.
Schaut mich an ...
So intensiv dieser Blick ... doch auch so leer.

‚Stell dich nicht so an, dummes Kind.’



Und plötzlich rollt eine Träne über ihr Gesicht.
Ich strecke meine Hand nach ihr aus,
will das Mädchen streicheln.

‚Was tust du?’

Doch das einzige, das meine tröstende Hand ertastet
Ist der kalte Spiegel gegenüber.

koriander







Eine silberne Träne fällt zu Boden
Versickert im schwarzen Staub
Niemand sieht den kleinen Engel
Der heimlich eine weitere Träne weint.

Still von einer anderen Welt träumend
Wünscht er sich fort von hier.
Wohlwissend, das er nie ganz gehen kann.



Er legt sich zum Schlafe nieder.
Die Augen schliessend versucht er zu vergessen
Was mit ihm geschehen ist.
Leise sterbend sehnt er sich nach Leben,
der gefallene Engel.

koriander







Du siehst mich an, deine Kehle wie zugeschnürt. Bringst kein Wort mehr raus, bist völlig verstummt. Kannst nicht glauben, was du siehst, was du grade gehört hast. Kannst nicht begreifen, das so etwas uns passiert. Mir. Dir.
Siehst die eine Träne, die meine Wange herabrollt. Willst sie mir wegstreichen, aber du kannst dich nicht bewegen. Dein Herz ist so schwer, es tut so weh. Und du kannst nichts dagegen tun. Du willst mich halten, mir ins Ohr flüstern: ‚Ich brauche dich, verlass mich nicht.’ Aber es ist zu spät. Meine Gefühle haben diese Welt lange zuvor verlassen.
Schmerz, Trauer, Hass. Auch Liebe gibt es in meinem Leben nicht mehr. Keine Liebe für dich, noch weniger für mich.
Gestern Nacht scheint so unglaublich weit weg. Alles was passierte, ist nicht mir passiert. Ein Mädchen, das ich gesehen habe. Ihr wurde wehgetan. Ihr Herz wurde zertreten. Ihre Würde wurde geraubt.
Du siehst mich immer noch an. So ungläubig, unsagbar traurig und resigniert, willst mich nicht gehen lassen. Du weißt genau was ich vorhabe, was ich tun werde.
Ich kann nicht mehr, mein Herz.
Du weißt, ich liebe dich, es ändert nichts daran.
Du warst immer da, willst auch jetzt nicht gehen. Kennst mich zu gut, weißt, was ich tun werde, wenn du gehst. Du musst. Geh! Ich kann dich nicht ertragen. Deine Traurigkeit schnürt mir die Luft ab, ich fühle nichts.
Ich stehe auf, zeige auf die Tür und sage nichts. Weiß der Teufel warum, aber wenn ich jetzt was sagen würde, könnte ich dich nicht mehr gehen lassen.
Aber du musst!
Du stehst auf, kramst dein Zeug zusammen. Ich sehe deinen Blick, deine Augen. Sie sind nass, du weinst. Warum weinst du, wenn du doch genau weißt, das du mir damit wehtust?
Wehtun? Mir? Aber ich habe meine Gefühle begraben, vor langer Zeit schon. Ich kann mir ein hysterisches Kichern so grade noch verkneifen. Du würdest es ja doch nicht verstehen ...

Ich trete ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Du merkst, wie unwohl ich mich fühle, küsst mich ein letztes Mal auf die Nasenspitze, wie du es hundertemale zuvor getan hast.
Ich denke, das werde ich vermissen.
Du bleibst stehen, hoffst einen Funken in meinen Augen zu entdecken. Aber meine Augen sind leer. Da ist nichts mehr, was dich hoffen lässt.
Du drehst dich um, gehst durch die Tür. Winkelst deine Hand auf diese seltsame Art an, beugst die mittleren drei Finger, wie ich es schon tausendmal gesehen habe. Unser geheimes Zeichen. Unsere Verabschiedung. Ich sehe deinen Rücken an und lächele.
Ich höre deine Schritte das Treppenhaus heruntertapsen, schließe die Haustür und gehe ins Bad. Ich öffne den Schrank, nehme meine Tabletten heraus und gehe die Treppen hoch, aufs Dach.
Da steht sie, meine Flasche. Wodka, Whisky, Korn ... egal, irgendwas ist immer drin.
Ich schlucke eine Handvoll Pillen, dann noch eine ... spüle sie mit dem Alkohol hinunter und ignoriere tapfer den bitteren Nachgeschmack. Setze mich auf den Rand, lasse meine Beine baumeln.
Schön, dieses Gefühl der Freiheit. Mir wird so warm ... Ich halte die kühle Flasche an meine Stirn, trinke noch einen Schluck. Es tut so gut ... vergessen kann ich schon lange nicht mehr, aber verdrängen klappt immer wieder.
Ich sehe die Menschen unten auf den Straßen laufen, denke, wie schön es manchmal wäre, einer von ihnen zu sein. Trinke noch einen Schluck ... ich werde ganz leicht, merke wie gut das tut. Dein Bild taucht vor meinen Augen auf. Du lächelst mich an und ich kann die Tränen auf deinem Gesicht sehen. Schade, dich werde ich vermissen. Aber mitnehmen? Nein, du hast ein tolles Leben, ich will dich glücklich sehen. Mir wird ganz schwindelig, ich habe Durst. Greife zur Flasche und nehme noch einen Schluck. Einen großen ... das tut gut ...
Ich könnte ewig hier sitzen ... der Himmel ist so schön ...
Meine Augen tränen, der Wind ist ganz schön stark hier oben. Ich halte die Flasche fest zwischen meinen feuchten Händen und führe sie langsam zu meinem Mund. Trinke sie leer und lecke mir über die Lippen ... warum sind sie denn so trocken? Ich stehe auf, stelle mich ganz nah an den Rand, sehe hinab. Uuuh .. mir ist ziemlich schwindlig .. ganz schön schwer, hier das Gleichgewicht zu halten. Ich schwanke ... der Himmel wird auf einmal so hell, blendet mich. Ich stolpere zurück und falle auf den Kiesboden des Daches.
Bleibe liegen und sehe in den Himmel. Schön ist es da, denke ich. Ich werde ganz müde ... außerdem dreht sich der Himmel. Warum dreht er sich? Sehr merkwürdig ... Ich schließe die Augen, ich bin unglaublich müde. Jetzt ist es soweit, denke ich.
Ich höre deine Stimme ... was machst du hier? Unwillkürlich muss ich lächeln. Deine Stimme klingt so besorgt und voller Angst. Aber warum? Mir geht es doch gut ... ich bin nur so schrecklich müde. Ich kann deine Hände an meinem Kopf spüren, irgendetwas tropft mir auf den Mund. Fühlt sich seltsam an ... ich lecke über meine Lippen ... salzig ... seltsam. Alles ist seltsam ... ich möchte lachen, aber es kommt nichts über meine Lippen. Du wirst immer leiser, immer undeutlicher. Ich kann dich schreien hören .. tut dir etwas weh? Mir geht es gut ... mein Herz wird immer ruhiger, mein Körper fühlt sich ganz leicht an ... als ob ich fliege ... schöön ... das soll nicht aufhören ...
Du bist so leise, ich kann dich nicht verstehen. Egal ... ich gehe jetzt ... mir geht es gut ... ich werde ganz leicht ... toll .. ich ... ich liebe dich, denke ich. Aber es geht mir viel zu gut ... ich fliege ... ich will nicht runter ... lass mich los ... ich fliege ... ist das schön .. ist ... schööön ...



koriander